144 Jahre. So lange hat es gedauert, bis über der Sagrada Família endlich Ruhe einkehrte – zumindest was die Baukräne an der Hauptspitze angeht. Im Jahr 2026 wurde das letzte Bauteil des zentralen Turms aufgesetzt, und zum ersten Mal seit Antoni Gaudís Grundsteinlegung am 19. März 1882 zeigt sich Barcelonas Skyline so, wie sie einmal gemeint war: mit einem Turm, der alles überragt.
Der höchste Turm der Sagrada Família, die Torre de Jesucristo, misst exakt 172,50 Meter. Damit ist die Kirche offiziell das höchste Sakralgebäude der Welt – sie hat das Ulmer Münster (161,53 Meter) abgelöst, das den Rekord seit 1890 hielt.
Ist der Kirchturm in Barcelona höher als der in Ulm?

Ja, eindeutig – und zwar um über zehn Meter. Interessant ist aber, wann genau die Ablösung stattfand. Schon am 30. Oktober 2025 wuchs die Turmstruktur der Sagrada Família auf 162,91 Meter und schob sich damit rechnerisch an Ulm vorbei.
Das eigentliche „Finale“ folgte erst im Februar 2026, als der Turm seine endgültige Höhe erreichte. Für alle, die mit dem Ulmer Münster aufgewachsen sind: Es ist kein Beinbruch, den Rekord zu verlieren – 136 Jahre an der Spitze zu stehen, ist selbst eine architektonische Meisterleistung, die bleibt.
Sagrada Familia höchster Turm: Mehr als nur eine Zahl
Die Höhe allein erzählt nur die halbe Geschichte. Gekrönt wird der Hauptturm von einem 17 Meter hohen, vierarmigen Kreuz aus weiß emaillierter Keramik und Glas, das von innen beleuchtet wird – nachts soll es über der Stadt schweben wie eine Laterne.
Wer hinaufwill, findet im Inneren eine Wendeltreppe und einen gläsernen Panoramaaufzug, der Besucher bis auf eine Aussichtsplattform in 164 Metern Höhe bringt. Das ist ungefähr die Höhe eines 45-stöckigen Hochhauses – nur eben mitten in Gaudís steinerner Fantasiewelt statt in Glas und Stahl.
Warum ausgerechnet 172,50 Meter?
Das ist der Teil der Geschichte, den viele Touristenführer auslassen, obwohl er das ganze Bauwerk erklärt. Gaudí hat die Höhe nicht willkürlich gewählt. Sie liegt exakt 50 Zentimeter unter dem Montjuïc, Barcelonas Hausberg mit 177,5 Metern.
Sein Grundsatz dahinter: Das Werk des Menschen dürfe niemals das Werk Gottes übertreffen. Diese Selbstbeschränkung mitten in einem Bauwerk, das ansonsten jede Konvention sprengt, zeigt, wie sehr Gaudí Architektur als theologische Aussage verstand – nicht als reines Prestigeprojekt.
Wie eine Kirche aus dem 19. Jahrhundert plötzlich Fertigbauteile nutzt
Wer denkt, ein derart historisches Bauwerk entstehe zwangsläufig in traditioneller Handarbeit, irrt. Die Turmspitze wurde abseits der Baustelle in sieben riesigen, computergestützt vorgefertigten Steinmodulen produziert und anschließend per Kran in extremer Höhe zusammengesetzt – fast wie bei einem gigantischen Legobausatz.
Diese Technik hat Jahre an Bauzeit gespart und zeigt, wie moderne Fertigungsmethoden ein Jahrhundertprojekt am Ende doch noch beschleunigen können.
Dass überhaupt noch original Gaudí-Pläne existierten, ist übrigens keine Selbstverständlichkeit. 1936, während des Spanischen Bürgerkriegs, stürmten Anarchisten die Werkstatt in der Krypta, brannten sie nieder und zerstörten Gipsmodelle und Baupläne.
Jahrzehntelang mussten Architekten aus geretteten Splittern und alten Fotografien die geometrische Logik hinter Gaudís Entwürfen mühsam rekonstruieren – heute per 3D-Modellierung. Ohne diese Detektivarbeit gäbe es den fertigen Turm 2026 wohl nicht.
Die Einweihung und der 100. Todestag für den höchsten Kirchenturm der Welt

Am 10. Juni 2026 reiste Papst Leo XIV. nach Barcelona, um den fertigen Turm feierlich einzusegnen. Das Datum war kein Zufall: Es markierte exakt den 100. Todestag von Antoni Gaudí, der am 10. Juni 1926 starb.
Diese Symbolik hat 2026 einen regelrechten Gaudí-Hype ausgelöst – Kulturtouristen strömen nach Barcelona, um die Silhouette der Stadt erstmals ohne die dominierenden Baukräne an der Hauptspitze zu sehen.
Fertig ist die Sagrada Família trotzdem nicht
Hier lohnt sich ein realistischer Blick, bevor die Vorfreude auf die nächste Reise zu groß wird: 2026 markiert das Ende der strukturellen Hauptbauphase, alle 18 Türme stehen.
Der Innenausbau des Jesus-Turms zieht sich aber noch bis 2027/2028. Und die Glorien-Fassade mit ihren komplexen Skulpturen und der umstrittenen monumentalen Zugangstreppe wird voraussichtlich erst 2034 fertig – fast anderthalb Jahrhunderte nach der Grundsteinlegung.
Wer die Sagrada Família besucht, sieht also ein Bauwerk, das seinen wichtigsten Meilenstein erreicht hat, aber weiterhin eine Baustelle bleibt. Das passt eigentlich ganz gut zu einer Kirche, die von Anfang an nie auf Eile ausgelegt war.


