Straßburg Hauptbahnhof, kurz vor neun Uhr morgens. Auf dem Gleis stehen gefühlt hundert Leute unter 28, alle mit demselben Ziel: Mit dem Deutschlandticket nach Paris.
Kein Interrail-Pass, kein TGV-Ticket für 90 Euro. Nur das Deutschlandticket in der Handy-Wallet und ein Ausweis in der Tasche. Klingt nach einer Legende, die sich in Studenten-WGs hartnäckig hält – ist aber seit drei Sommern echte Praxis.
Kann ich mit dem Deutschlandticket nach Paris fahren kostenlos?

Ja, aber mit Bedingungen. Wer unter 28 ist und seinen Wohnsitz in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland hat, fährt vom 1. Juli bis 31. August 2026 kostenlos im gesamten Nahverkehr der französischen Region Grand Est – inklusive der Regionalzüge bis nach Paris.
Das reguläre Deutschlandticket kostet seit Januar 2026 zwar 63 Euro statt vorher 49 Euro, aber für die Sommeraktion zahlt man keinen Cent extra. Die Fahrt selbst dauert allerdings knapp fünf Stunden, weil es komplett über Regionalzüge geht.
Warum ausgerechnet Grand Est – und warum jetzt schon zum dritten Mal?
Die deutsch-französische Sommeraktion ist kein Pilotprojekt mehr, sondern läuft 2026 bereits zum dritten Mal, nachdem sie 2024 und 2025 gut angenommen wurde.
Das Prinzip ist angenehm unkompliziert: Junge Deutsche mit D-Ticket dürfen kostenlos durch die Région Grand Est fahren, im Gegenzug reisen junge Franzosen mit dem Pass Jeune Grand Est kostenlos durch die drei deutschen Bundesländer. Eine echte Gegenseitigkeit also, kein Marketing-Gag mit Haken.
Dass gerade diese Konstellation gewählt wurde, ergibt geografisch Sinn. Grand Est grenzt direkt an Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland – die Zugverbindungen existieren längst, man musste sie nur noch für junge Menschen öffnen.
Wie kommt man ohne ICE oder TGV überhaupt bis nach Paris?
Das Deutschlandticket gilt bekanntlich nicht im Fernverkehr. Trotzdem führt der Weg nach Paris ausschließlich über Regionalzüge – und das ist der eigentliche Clou der Aktion.
Man fährt zunächst mit dem Nahverkehr über die Grenze, etwa via Straßburg, Forbach oder Saargemünd, und steigt dort in die französischen TER- beziehungsweise TER-Fluo-Züge um. Diese fahren direkt weiter bis zum Gare de l’Est, dem Kopfbahnhof mitten in Paris.
Fünf Stunden Fahrtzeit ab Straßburg oder Karlsruhe klingt erstmal lang. Aber ehrlich: Für eine kostenlose Fahrt nach Paris nimmt man das gerne in Kauf, zumal die Strecke durchs Elsass und die Champagne landschaftlich alles andere als langweilig ist.
Der Haken, den viele übersehen: Reservierungspflicht
Auf den stark nachgefragten TER-Direktverbindungen Paris–Straßburg und Paris–Mulhouse gilt im Aktionszeitraum eine Sitzplatz-Reservierungspflicht. Das überrascht viele, die aus Deutschland reines Einsteigen ohne Reservierung gewohnt sind.
Die gute Nachricht: Für Inhaber des Aktionstickets ist diese Reservierung komplett kostenlos – man muss sie nur vorab digital über SNCF Connect buchen, die offizielle App der französischen Bahn. Wer das verpasst, riskiert im überfüllten Sommerzug tatsächlich, stehen zu müssen.
Ein Punkt, den ich aus eigener Recherche für besonders wichtig halte: Diese Reservierung ist keine Formalität zum Abhaken, sondern in der Praxis der Unterschied zwischen entspannter Fahrt und Stehplatz-Marathon.
Was, wenn der Zug ausfällt?
In den Vorjahren kam es bei größeren Zugausfällen oder Verspätungen vereinzelt zu Kulanzlösungen, bei denen Reisende mit D-Ticket ohne Aufpreis in TGV oder ICE umgeleitet wurden. Wichtig dabei: Das ist kein offizielles Fahrgastrecht, sondern reine Kulanz einzelner Schaffner oder Bahnmitarbeiter. Wer darauf plant, sollte einen Plan B in der Tasche haben.
Mehr als nur Paris: Was Grand Est sonst noch bietet

Paris ist das Ziel, über das am meisten gesprochen wird – aber bei Weitem nicht das einzige. Die Région Grand Est reicht deutlich weiter, als viele denken, und mit dem 63-Euro-Ticket lassen sich auch andere Ziele ohne Zusatzkosten ansteuern:
- Reims, das Herz der Champagne, für alle, die zwischen Kathedrale und Kellerbesichtigungen wechseln wollen
- Metz, geschichtsträchtig und architektonisch überraschend vielseitig
- Straßburg und Colmar im Elsass, für den klassischen Fachwerk-und-Flammkuchen-Trip
Wer also nur an Paris denkt, verschenkt einen Teil des Angebots.
Der Ausweis-Punkt, den niemand erwähnt
Ein Detail, das in den meisten Reiseberichten fehlt: Das digitale Ticket allein reicht bei Kontrollen oft nicht aus. Weil die Berechtigung an den Wohnsitz in BW, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland gekoppelt ist, verlangen französische Schaffner im Zweifel einen physischen Nachweis.
Personalausweis oder Reisepass gehören deshalb zwingend ins Gepäck – ohne sie kann es an der Kontrolle unangenehm werden, selbst wenn das Ticket technisch korrekt gebucht ist.
Lohnt sich der Trip?
Für alle unter 28 mit Wohnsitz in den drei Bundesländern ist das eine der besten Reise-Deals des Sommers 2026. Fünf Stunden Fahrtzeit sind kein Vergnügen, aber bei einer kompletten Kostenersparnis im Vergleich zu einem regulären TGV-Ticket relativiert sich das schnell.
Wer flexibel ist, plant die Reservierung frühzeitig über SNCF Connect, nimmt den Ausweis mit und macht vielleicht sogar einen Stopp in Straßburg oder Metz, statt direkt durchzufahren.
Der Sommer 2026 ist bereits die dritte Auflage dieser Aktion. Ob es 2027 weitergeht, steht noch nicht fest – ein Grund mehr, die Gelegenheit dieses Jahr zu nutzen.


