Wer nach höchster Kirchturm der Welt fragte, landete zwangsläufig in Ulm. 161,53 Meter, seit 1890 unangefochten. Jetzt ist damit Schluss – und zwar nicht durch einen Messfehler oder eine Formsache, sondern durch ein fertiggestelltes Bauwerk, an dem seit 144 Jahren gearbeitet wird.
Der neue Rekordhalter ist der zentrale „Turm Jesu Christi“ der Sagrada Família in Barcelona. Mit seiner vollendeten Finalhöhe von exakt 172,50 Metern überragt er das Ulmer Münster um 10,97 Meter.
Damit ist die Frage, ob der Kirchturm in Barcelona höher ist als der in Ulm, eindeutig beantwortet: ja, deutlich.
Der Moment, in dem Ulm seinen Titel verlor
Interessant ist, dass der eigentliche Überholvorgang schon früher passierte als die offizielle Fertigstellung. Am 30. Oktober 2025, beim Aufsetzen des unteren Kreuzsegments, überragte die Sagrada Família das Münster erstmals – zunächst nur um 1,41 Meter.
Die finale Höhe kam erst mit der Fertigstellung im Februar 2026 dazu. Gefeiert wurde der Rekord dann noch einmal groß: Am 10. Juni 2026 weihte Papst Leo XIV. persönlich den Turm ein – ausgerechnet am 100. Todestag von Antoni Gaudí, dem Architekten, der das Bauwerk 1926 nicht mehr vollendet sah.
Barcelona trägt zufällig auch noch 2026 den Titel „Welthauptstadt der Architektur“, verliehen von der Internationalen Architekten-Vereinigung UIA. Das Timing hätte symbolischer kaum sein können.
Höchster Kirchturm der Welt, wie hat Ulm reagiert?

Mit Fassung, muss man sagen. Oberbürgermeister Martin Ansbacher gab zu, dass der Verlust „ein klein wenig geschmerzt“ habe – die evangelische Landeskirche betonte dagegen, man nehme das Ganze „sportlich“.
In sozialen Medien hat sich seither ein augenzwinkernder Trend etabliert: das „Aufstocken“ des Ulmer Münsters wird scherzhaft diskutiert, technisch machbar wäre es natürlich nicht. Der Schwaben-Schmerz ist real, aber er wird mit Humor getragen, und genau das macht die Geschichte sympathisch.
Warum genau 172,50 Meter – und nicht höher?
Hier wird es spannend, denn die Zahl ist kein Zufall. Gaudí selbst hat die Höhengrenze festgelegt, und zwar aus theologischen Gründen. Der Montjuïc, Barcelonas Hausberg, misst 173 Meter. Gaudí wollte, dass das Werk des Menschen niemals das Werk Gottes übertrifft – deshalb bleibt die Kirche exakt einen halben Meter niedriger als der Berg.
Diese Selbstbeschränkung sagt mehr über Gaudís Denken aus als jede Beschreibung seiner Architektur: Hier baute jemand nicht, um zu dominieren, sondern um sich einzufügen.
Deutsche Handschrift an spanischer Spitze
Die eigentliche Turmspitze kommt aus Bayern. Das 17 Meter hohe, 13,50 Meter breite Kreuz aus Stahl und Glas wurde von der Firma Joseph Gartner GmbH im schwäbischen Gundelfingen gefertigt – fast schon ironisch, dass ausgerechnet aus der Nähe Ulms das Bauteil stammt, das Ulm den Rekord kostet.
Das rund 100 Tonnen schwere Kreuz ist von innen begehbar, verkleidet mit glänzender, weiß glasierter Keramik. Für die Öffentlichkeit soll dieser Aussichtspunkt voraussichtlich ab 2027 zugänglich sein – ein Punkt, den man sich vormerken sollte, wenn man ohnehin einen Barcelona-Trip plant.
Kein Stein auf Stein: Wie der Turm wirklich zusammenhält
Wer sich den Bau als klassisches Mauerwerk vorstellt, liegt falsch. Die sechs zentralen Haupttürme bestehen aus 826 vorgefertigten Paneelen, verklebt statt vermörtelt – mit 24 Tonnen eines Spezial-Strukturklebstoffs der deutschen Firma Henkel, rund 30 Kilo pro Panel.
Das ist Modulbauweise auf einem Niveau, das man einer neugotischen Kirche nicht zutraut. Trotzdem trägt sich das Ganze über Gaudís berühmtes Säulen- und Gewölbesystem, das bionischen Formen wie Bäumen nachempfunden ist. Die Außenwände tragen dabei keine Last – sie stabilisieren nur sich selbst.
Ist die Sagrada Família überhaupt eine Kathedrale?

Nein, und das wird in Medien ständig falsch dargestellt. Eine Kathedrale braucht einen residierenden Bischof – der Bischofssitz Barcelonas ist die Catedral de la Santa Creu i Santa Eulàlia. Die Sagrada Família ist offiziell eine Kirche mit dem päpstlichen Ehrentitel Basilika, verliehen 2010 von Papst Benedikt XVI.
Und wann ist sie wirklich fertig?
Der höchste Turm steht, aber komplett ist das Bauwerk noch nicht. Die gigantische Glorienfassade im Süden, die künftig den Haupteingang bilden soll, wird voraussichtlich erst Mitte der 2030er-Jahre fertig.
Finanziert wird das alles – rund 25 Millionen Euro jährlich – komplett ohne Kirchensteuern, allein aus Spenden und den Eintrittsgeldern der etwa 4 Millionen zahlenden Besucher pro Jahr. Eine private Großbaustelle, die sich seit Jahrzehnten selbst trägt.
Was bedeutet das für die Rangliste der höchsten Kirchen der Welt?
Ganz oben steht ab sofort die Sagrada Família mit 172,50 Metern, das Ulmer Münster fällt mit seinen 161,53 Metern auf Platz zwei zurück.
Für eine vollständige Liste der zehn höchsten Kirchtürme der Welt lohnt sich ein Blick in aktuelle, laufend gepflegte Vergleichsquellen wie Wikipedia oder Fachportale zur Sakralarchitektur – die Platzierungen ab Rang drei hängen stark davon ab, ob man Kirchtürme, Kreuze oder komplette Bauwerke misst, und verändern sich mit neuen Bauprojekten regelmäßig.
Fest steht nur eines: Der jahrzehntelange Zweikampf um Platz eins zwischen Ulm und Barcelona ist entschieden.
Was bleibt für Ulm?
Ein bemerkenswert langer Rekord, gehalten seit 1890 – 135 Jahre, das schafft kaum ein Bauwerk.
Der zweite Platz ist keine Schande, sondern eine Randnotiz in einer Geschichte, die ohnehin faszinierender ist als jede reine Zahlen-Rangliste: ein Architekt, der sich selbst eine Höhengrenze auferlegte, ein Bauprojekt, das sich seit 144 Jahren allein aus Spenden finanziert, und ein deutscher Fassadenbauer, der ausgerechnet die spanische Rekordspitze fertigte.
Der höchste Kirchturm der Welt steht jetzt in Barcelona – aber die interessantere Geschichte erzählt, wie er dorthin kam.


