Interviews

Marcus Feuß weiß, dass Stimme entscheidet

Marcus Feuß weiß, dass Stimme weit mehr ist als Technik oder Lautstärke. Sie entscheidet darüber, ob Menschen zuhören, vertrauen und folgen oder innerlich abschalten. Ob im Klassenzimmer, im Meeting, auf der Bühne oder vor Publikum: Stimme transportiert Haltung, Emotion und Persönlichkeit – oft stärker als jedes Argument.

Als Sprecherzieher, Stimmtrainer und Dozent arbeitet Feuß genau an dieser Schnittstelle. Dort, wo Atem, Körper, Emotion und Sprache zusammenwirken und aus Worten Präsenz wird.

Im Interview mit Baden1 spricht Marcus Feuß darüber, warum viele Menschen nicht an Inhalten scheitern, sondern an fehlender stimmlicher Klarheit. Er erklärt, weshalb monotones Sprechen, falsche Atmung oder innere Anspannung Wirkung kosten und wie echte Präsenz entsteht, wenn Stimme, Körperhaltung und emotionale Ausrichtung zusammenspielen.

Ein Gespräch über Stimme als Persönlichkeitsmerkmal, über Präsenz ohne Druck und darüber, warum jede Stimme es wert ist, gehört zu werden.

Marcus Feuß aus Stuttgart im Interview

Interview Marcus Feuß

 

Herr Feuß, was fasziniert Sie bis heute am Arbeiten mit Stimme und Sprache?

Durch unsere Stimme und unser Sprechen können wir unsere inneren Gedanken und Gefühle nach außen tragen. Je wirkungsvoller und klarer unser Sprechen dabei ist, desto besser gelingt uns das.

Die Art und Weise wie wir sprechen beeinflusst somit maßgeblich, wie wir von unseren Mitmenschen wahrgenommen werden und ob wir es schaffen uns verständlich zu machen, für Dinge einzustehen oder, in großen Kontexten gedacht, gar kulturelle, gesellschaftliche oder politische Veränderungen herbeizuführen.

Unsere Stimme kann ein Schlüssel zu den Köpfen der Menschen sein. Sowohl in kleineren Rahmen, also bei beruflichen Präsentationen oder bei Lehrveranstaltungen in der Schule oder auch in größeren Rahmen, beispielweise im Bundestag.

Mit Menschen aus verschiedenen Berufen daran zu arbeiten und Ihnen zu helfen, sich diesbezüglich zu verbessern, fasziniert mich und treibt mich an.

Warum ist Stimme mehr als Technik und ein Schlüssel zur Persönlichkeit?

Unsere Stimme gibt es nur einmal. Sie ist in der Welt einzigartig. Ihr Klang, ihr Charakter und ihre Eigenheiten bilden somit einen wesentlichen Teil unseres Wesens ab.

Ein Arbeiten an unserer Stimme und an unserem Sprechen ist daher immer auch ein Arbeiten an unserer Persönlichkeit. An der Art und Weise, wie wir hinaus in die Welt treten und von anderen wahrgenommen werden.

Woran scheitern Menschen Ihrer Erfahrung nach am häufigsten beim Sprechen?

Das kommt darauf an, in welchem Kontext ich sie unterrichte. Einen Teil der Menschen, die zu mir kommen unterrichte ich in der Sprechkunst. Hier arbeiten wir daran vorgefertigte Hörbuchtexte, Gedichte oder Sachtexte interessant, spannend und ggf. emotional berührend zu sprechen.

Die große Herausforderung besteht darin diese Texte möglichst nach spontan erdachter Alltagskommunikation klingen zu lassen, denn viele Dinge, die wir in der alltäglichen spontanen Kommunikation „richtig“ machen, sollten wir auch auf bereits fertig formulierte Texte übertragen, damit diese möglichst natürlich und authentisch klingen.

Also beispielsweise mit sinnvollen Betonungen sprechen, in nachvollziehbare Emotionen gehen oder die Stimme direkt zum Gegenüber schicken. Dies fällt vielen Menschen zunächst recht schwer.

Sie lesen bzw. sprechen dann häufig mit zu vielen Betonungen, woraufhin das Sprechen recht abgehackt und unnatürlich klingt, lassen ihre Stimme nach jedem Satz abfallen, was ihr Sprechen wenig präsent wirken lässt, oder sprechen mit wenig greifbaren oder unauthentischen Emotionen. Das Lösen dieser Probleme und Blockaden ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit.

Außerdem arbeite ich mit vielen Menschen daran, gerade in beruflichen Kontexten kräftig und präsent zu sprechen, ohne aber ihre Stimme dabei zu stark zu belasten (Stimm- und Sprechtraining). Hier fällt es Einigen häufig schwer, tief in ihr Körperzentrum zu atmen und dabei ihr Zwerchfell anzuspannen, was einen kräftigen Stimmklang zur Folge hätte.

Aufgrund von Stress, zu viel Körperspannung und schlechter Körperhaltung schnappen mittlerweile viele Menschen aktiv vor dem Sprechen nach Luft, woraufhin die Luft, die wir zum Sprechen brauchen, meist im Hals- und Brustbereich bleibt und das Zwerchfell dabei nicht angespannt wird.

Dies hat zur Folge, dass beim Sprechen in der Regel zu viel Luft den Körper verlässt, die Stimme dadurch dünn und kraftlos klingt und wir nur kurze Passagen sprechen können, bis der Atem aufgebraucht ist und wir erneut aktiv nach Luft schnappen. Das ist dann eine Art Teufelskreis.

Denn dritten Teil meiner Arbeit bildet das Vortragstraining. Hier arbeite ich mit Menschen daran selbstbewusst lebendige und ggf. mitreißende Präsentationen (vor Publikum) zu halten, sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext.

Hier haben Viele häufig mit einer gewissen Unsicherheit und Aufregung zu kämpfen, was sich dann ebenfalls in einer körperlichen Unruhe und einer Überspannung ausdrückt, was den Atem und die Stimme negativ beeinflusst.

Außerdem beobachte ich häufig, dass die Vortragenden es aufgrund ihrer Aufregung und Unsicherheit nicht schaffen ihre Stimme direkt und selbstbewusst zum Publikum zu schicken, sondern ihre Stimmmelodie am Ende jeder Sprechphrase nach oben geht, sie also permanent in Fragen sprechen.

Marcus Feuß bringt Stimme auf den Punkt

Zitat Marcus Feuß

Wie verändert sich Präsenz, wenn Stimme, Körper und Haltung zusammenspielen?

Sie verändert sich enorm. Ein wichtiger Grundsatz ist hier, dass Körper, Atem, Stimme und Haltung bzw. Emotion keine voneinander abgetrennten Bereiche sind, sondern sich maßgeblich beeinflussen. Besonders passend finde ich hier das Wort „Haltung“.

Denn meine Haltung bezieht sich immer sowohl auf meine körperliche als auch auf meine emotionale Haltung. Diesen Zusammenhang sollte man sich beim Sprechen zu Nutzen machen. Die erste Frage sollte immer sein: Welche emotionale Haltung möchte ich nach außen hin vermitteln und welche körperliche Haltung passt dazu?

Möchte ich in der Sprechkunst beispielsweise eine traurige Emotion einnehmen, kann es hilfreich sein eine entsprechende Körperhaltung und Körperspannung einzunehmen, die zu Trauer passt. Ich habe wenig Körperspannung, mein Brustbein ist eingeknickt, meine Arme hängen schlaff herab. Daraufhin klingt auch die Stimme matt, wenig präsent und eben auf authentische Art und Weise traurig.

Wenn ich jedoch vor Publikum Vorträge halte, als Lehrerin vor einer Klasse spreche oder in anderen Kontexten selbstbewusst, klar und wirkungsvoll kommunizieren möchte, wäre eine solche Körperhaltung natürlich unvorteilhaft.

In solchen Situationen wäre es meist passender eine aufrechte und freundlich zugewandte Körperhaltung einzunehmen, um präsent und wirkungsvoll zu sprechen.

Dies gelingt in der Regel durch eine ausgeglichene Körperspannung auch Eutonie oder Wohlspannung genannt. Sie bildet die Grundlage für eine tiefe Bauchatmung und eine daraus resultierende klare, direkte und kräftige Stimme, woraufhin auch meine emotionale Haltung selbstbewusst, zugewandt und präsent auf die Zuhörerschaft wirkt.

Das klingt jedoch häufig leichter gesagt als getan, denn auch Körper und Geist bilden eine wichtige Einheit. Viele Leute, mit denen ich zusammenarbeite, sind schlichtweg sehr aufgeregt, wenn sie vor Publikum sprechen müssen.

Diese geistige Angespanntheit überträgt sich dann häufig auf ihre Körperspannung, was wieder den Atem und die Stimme negativ beeinflusst. Was hier hilft ist sich vor dem Sprechen körperlich, stimmlich und artikulatorisch aufzuwärmen, um den Körper aufzulockern und Überspannungen abzubauen, was sich dann wieder entspannend auf den Geist auswirken kann.

Und natürlich viel üben, üben, üben…

Was nehmen Ihre Teilnehmer meist als größte Erkenntnis aus Ihrer Arbeit mit?

Tatsächlich häufig die Erkenntnis, wie sehr die Haltung bzw. die Emotion, aus der wir sprechen, den Klang, die Präsenz und die Lebendigkeit unserer Stimme beeinflusst. Zu Beginn meiner Arbeit sprechen viele Menschen häufig monoton, kraftlos und wenig zielgerichtet zum Gegenüber.

Das Arbeiten an Atmung und Zwerchfellaktivität ist da natürlich eine wichtige Grundlage. Aber wenn ich mit den Leuten zusätzlich dazu übe ihre Stimme auch aus einer bestimmten Emotion, beispielsweise einer wütenden, spannungsvollen oder fröhlichen Emotion heraus in den Raum zu „schicken“, haben sie häufig den größten „Aha-Moment“.

Ohne viel auf Technik zu achten, klingt die Stimme dann häufig schon von allein präsenter, direkter und abwechslungsreicher und die Zuschauer können dem Inhalt besser folgen und haben mehr Freude am Zuhören.

Was möchten Sie Menschen mitgeben, die ihre Stimme beruflich oder persönlich stärken wollen und wie können sie mit Ihnen in Kontakt treten?

Jede Stimme ist es wert an ihr zu arbeiten und für jeden Menschen ist es von großem Vorteil über eine kräftige, wohlklingende und interessante Stimme und ein klares, selbstbewusstes und wirkungsvolles Sprechen zu verfügen, sowohl in beruflichen als auch in privaten Kontexten.

Für den Verkäufer, die Lehrerin, den Rechtanwalt, die Pilotin oder der Oma, die ihren Enkeln eine Gute Nacht-Geschichte vorlesen möchte.

Es ist aber wichtig zu wissen, dass das Arbeiten an Körper, Atem, Stimme und Sprechen keine einmalige Sache ist bzw. sein sollte, sondern sich nachhaltige Verbesserungen und Erfolge in der Regel nur durch stetiges Training und Üben zeigen. Wie auch beim Erlernen einer Sportart oder eines Musikinstruments.

Wer Interesse an ersten Übe-Impulsen und/oder auch einer längeren Trainingsbegleitung hat, entweder online oder in Präsenz, kann sich gerne über meine Homepage bei mir melden. Ich freue mich über jede Anfrage!

Über Marcus Feuß

Marcus Feuß wurde 1992 in Berlin geboren und studierte von 2012 bis 2017
Sprechkunst und Kommunikationspädagogik an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart (M.A.). Seitdem arbeitet er als Stimm-Sprech- und Rhetoriktrainer, spricht Hörbücher ein und tritt regelmäßig als Sprechkunst-Kabarettist auf.

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