Interviews

Maike Steiner: Wenn Pferde zeigen, was im Menschen wirklich wirkt

Es gibt Begegnungen, die etwas in uns in Bewegung setzen. Wer Maike Steiner erlebt, spürt sofort diese Mischung aus Tiefe, Klarheit und einer besonderen Art von Präsenz, die nur entsteht, wenn ein Mensch seinen Weg nicht nur gefunden, sondern verkörpert hat. Seit über zwanzig Jahren begleitet sie Menschen mit ihren Pferden durch Lebenskrisen, Übergänge, innere Brüche und Neuanfänge. Sie öffnet Räume, in denen Veränderung nicht theoretisch bleibt, sondern erlebbar wird.

Ihre Pferde wirken dabei wie Spiegel, Mentorinnen und Seelengefährten. Sie reagieren auf innere Wahrheit, nicht auf äußere Rollen. Sie zeigen Menschen, wer sie sind, bevor der Kopf es versteht. Dieser unmittelbare Kontakt führt zu Veränderungen, die kraftvoll sind und tief wirken. Das Interview zeigt eindrucksvoll, wie Pferde Klarheit schenken, Entscheidungen freilegen und Menschen wieder mit dem verbinden, was in ihnen ruft.

Maike Steiner im Interview

Interview Maike Steiner

Was hat Sie dazu gebracht, Coaching und Psychotherapie mit Pferden zu verbinden und welche Erfahrungen haben Sie dabei geprägt? 

Ich war schon immer ein Pferdemädchen und habe mit Anfang 20 als Erzieherin mit psychisch erkrankten Jugendlichen gearbeitet. Als ich einige von ihnen zu meinem damaligen Pflegepferd mitnahm, zeigte sich überraschend schnell, welche Themen sie beschäftigten. Diese hatten wir zuvor wochenlang in therapeutischen Settings besprochen. Im Kontakt mit dem Pferd wurden Muster unmittelbar sichtbar und wir konnten gemeinsam neue Lösungen erarbeiten. In diesem Moment wusste ich: Das ist mein Weg.

Ich kaufte mein Pflegepferd, absolvierte die Ausbildung zur Reittherapeutin und begleite seit über 20 Jahren Menschen in schwierigen Lebensphasen mit Hilfe meiner Pferde. Später kamen Coaching, Persönlichkeitsentwicklung, Aufstellungen und die Heldenreise mit Pferden hinzu, um auch Menschen in Umbruchsituationen und bei Sinnfragen zu unterstützen.

Pferde fördern und fordern: Präsenz, Echtheit, Beziehung, Resonanz.

Der entscheidende Impuls war die Erfahrung, dass echte Veränderung nicht nur über den Kopf entsteht. Sie muss erlebt werden. Pferde reagieren auf unser Inneres – klar, sofort, ehrlich und ohne Bewertung. Dadurch entsteht ein Raum, in dem Menschen sich selbst wieder spüren und Zugang zu ihrem Wesentlichen finden können.

Was bedeutet es, wenn Pferde sich frei einbringen dürfen und wie wirkt sich diese Haltung auf den Prozess Ihrer Klientinnen aus?

Viele Menschen sind es gewohnt, funktionieren zu müssen und Erwartungen zu erfüllen. Ein Pferd, das selbst wählen darf, durchbricht dieses Muster.

Gerade im Coaching, bei Aufstellungen oder in der Persönlichkeitsentwicklung begegnen Pferde den Klientinnen oft frei und selbstbestimmt, also ohne Strick oder Halfter. Hier zeigen sich ihre besonderen Fähigkeiten: Da Pferde Flucht- und Herdentiere sind, sind sie wahre Meister darin, feinste Signale wahrzunehmen. Sie spüren Atem, Haltung, Spannung, Herzschlag und Emotionen oft früher als wir selbst.

Sobald ein Mensch wirklich bei sich ankommt – in seinem Körper, seinen Gefühlen und seinen Gedanken –, suchen die Pferde von sich aus die Nähe, selbst wenn die Emotionen intensiv sind. Doch wenn jemand inkongruent wird, also so tut, als ob, reagieren sie auch klar: Sie ziehen sich zurück, stellen etwas infrage oder verweigern den Kontakt.

Die Teilnehmerinnen erhalten dadurch eine unmittelbare Rückmeldung, die oft leichter anzunehmen ist als Feedback von Menschen. Meine Pferde sind dabei meist sogar strenger als ich selbst und genau das macht die Begegnung so kraftvoll.

In der freien Arbeit mit der ganzen Herde entsteht zusätzlich ein dynamisches Feld, in dem sich die Reaktionen auf den Menschen sowie die Interaktionen der Pferde untereinander zeigen. Auch in der Pferdeherde gibt es Spezialisten, die sich besonders gerne zu bestimmten Themen einbringen.

Können Sie ein anonymes Beispiel nennen, bei dem eine Teilnehmerin durch Ihre Seminare spürbare Veränderungen im Alltag erlebt hat und worauf führen Sie diese Wirkung zurück?

Die Transformation, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei mir erleben, entsteht durch den Kontakt mit sich selbst sowie durch die Akzeptanz und das Annehmen dessen, was sich zeigt. Die Pferde geben dabei Mut, alte Ausweich- und Vermeidungsstrategien loszulassen. Das kann auf der Gefühlsebene sehr intensiv sein – sowohl die Pferde als auch ich begleiten diese Prozesse achtsam.

Ein Beispiel: Eine Teilnehmerin erlebte bei der Heldenreise eine besonders intensive Begegnung mit dem Pferd Kjesta. Sie standen sich lange gegenüber, schauten einander an und schließlich sagte die Teilnehmerin: „Ich fühle mich von Kjesta wirklich gesehen. Sie scheint in mein Herz schauen zu können. Mein Mann schaut mich nicht mehr so an. Ich möchte nicht mehr mit einem Partner zusammenleben, der mich weniger wahrnimmt als Kjesta.“

Eine andere Teilnehmerin, die ein eigenes, sehr erfolgreiches Therapiezentrum aufgebaut hatte, fühlte sich erschöpft und überfordert. In dem Moment, als sie ihre Erschöpfung wahrnahm, legte sich das Pferd vor ihr auf den Boden. Sie setzte sich neben das Pferd und ließ ihre Tränen fließen. In dieser intensiven Ruhe und Annahme traf sie die Entscheidung, eine Assistentin einzustellen.

Auch bei Martin, einem Teilnehmer, der sich mit seiner Leidenschaft, der Fotografie, selbstständig machen wollte, zeigte sich der Prozess auf körperlicher Ebene. In einer Übung sollte er das Pferd Fuego zu seinem symbolischen Erfolg führen. Anfangs weigerte sich Fuego, denn er spürte, dass Martins Entscheidung noch nicht gefestigt war. Erst als Martin innerlich klar spürte, dass er diesen Schritt gehen wollte, bewegte sich Fuego von selbst.

Maike Steiner über ihre Arbeit mit Pferden

 

Zitat Maike Steiner

Welche Menschen sprechen Sie besonders an und welchen Nutzen haben Klientinnen aus der Region Baden von Ihrer Arbeit?

Ich arbeite mit Frauen und Männern, die sich an einem Punkt in ihrem Leben befinden, an dem das Alte nicht mehr trägt, das Neue aber noch nicht sichtbar ist. Es sind Menschen in beruflichen oder privaten Umbruchs- und Belastungssituationen, beispielsweise nach einem Jobverlust, einer Trennung, dem Auszug der Kinder, dem Start in die Selbstständigkeit, einem Todesfall oder im Übergang in den Ruhestand.

Manche kommen auch, weil sie spüren, dass ihr bisheriges Leben zu eng geworden ist und eine leise Sehnsucht nach Veränderung in ihnen ruft – auch wenn sie dieses „Etwas“ noch nicht benennen können. In der Heldenreise nennen wir diesen Moment den „Ruf“ – jenes innere Signal, das uns dazu bringt, die vertraute Komfortzone zu verlassen, und uns einlädt, die Heldin oder der Held unseres eigenen Lebens zu werden und unsere Berufung zu finden.

Ebenso arbeite ich mit Menschen, die Ruhe suchen und echte Verbindung sowie Gemeinschaft erleben möchten. Eine Gemeinschaft, in der es nicht darum geht, sich anzupassen, sondern – wie in einer Pferdeherde – darum, mehr man selbst sein zu dürfen. Wirkliche Verbindung entsteht erst dann, wenn ich meine eigenen Grenzen, Bedürfnisse sowie meine Stärken und Schwächen kenne und annehme.

Darüber hinaus begleite ich Reittherapeutinnen und Therapeutinnen in Fortbildungen sowie Teams und Führungskräfte in Teamentwicklungs- und Leadership-Seminaren.

Für Menschen aus der Region Baden ist die kurze Anfahrt natürlich ein Pluspunkt. Viele schätzen es, ohne großen Aufwand einen Ort zu erreichen, der Abstand, Natur und Tiefe bietet. Eine Teilnehmerin sagte einmal: „Zwei Stunden bei Maikes Pferden und in der Natur sind wie ein kurzer Urlaub.“

Welche neuen Formate oder Entwicklungen planen Sie für die kommenden Monate und wie möchten Sie Ihr Angebot weiterentwickeln?

In den kommenden Jahren möchte ich meine Arbeit in der Persönlichkeitsentwicklung noch umfassender machen. 2026 wird es erstmals eine einjährige Intensivbegleitung geben – sowohl als Online-Format, als auch vor Ort mit den Pferden. Die Intensivbegleitung ist die Voraussetzung für die Ausbildung zur Hero’s Journey Instructor. Die ich ab nächsten Jahr auch anbiete, damit Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Heldenreise selbst weitergeben können.

Parallel dazu baue ich meine Angebote für Firmen aus – insbesondere Team-Building-Prozesse und Seminare für Führungskräfte, die Klarheit, Präsenz und Resonanz in ihre Arbeit bringen wollen. Auch die Fortbildungen für Reittherapeutinnen und Therapeutinnen entwickle ich weiter.

Ein besonderes Herzensprojekt ist ein neues Seminarangebot für Frauen mit geistigen Behinderungen oder chronischen psychischen Erkrankungen. Diese Zielgruppe hat oft wenig Raum für echte Selbsterfahrung – und gerade dort wirkt die Pferdearbeit tief und nachhaltig.

Außerdem habe ich in diesem Jahr den Hero’s Dance entwickelt: eine Möglichkeit, die Heldenreise an einem einzigen Abend tanzend zu erleben – mit oder ohne Pferde. Die ersten Testläufe, u.a. auf dem Horse & Spirit Festival, waren unglaublich bewegend. Dieses Angebot wird es nächstes Jahr regelmäßig geben.

Was würden Sie jemandem mitgeben, der an einem Wendepunkt steht und überlegt den Schritt zu wagen und was wäre ein sinnvoller erster Schritt?

Es gibt im Veränderungsprozess drei typische Momente des Zögerns. Jeder von ihnen hat eine eigene Qualität und kann mit einem Ritual bewusst begleitet werden.

  1. Wenn die Sehnsucht klar ist, aber alte Glaubensmuster blockieren

Manchmal spürt man sehr deutlich, wohin es einen zieht. Innere Glaubenssätze halten uns zurück. Das können Glaubensmuster sein, die man von seiner Familie geerbt hat. Sie wirken oft unbewusst und bestimmen unser Handeln. Der erste Schritt ist, diese Muster bewusst zu machen und zu betrachten.

Kleines Ritual: Schreibe den Glaubenssatz auf ein Blatt Papier und danke ihm. Formuliere darunter einen neuen, stimmigen Satz, der dich stärkt. Falte das Blatt so, dass nur der neue Satz außen sichtbar ist, und lege es an einen Ort, wo du ihn täglich siehst – als Erinnerung an deine innere Erlaubnis.

  1. Wenn das, was man spürt und das, was einem das eigene Leben vorgibt, nicht zusammenpassen.

Es kann auch sein, dass man genau spürt, worum es einem geht, aber das eigene Leben scheint dafür keinen Platz zu bieten. Dann entsteht ein innerer Riss: Das Herz weiß, die Realität widerspricht. Hier geht es nicht darum, schnelle Lösungen zu finden, sondern zunächst diese Spannung auszuhalten. Wenn wir die Angst vor dem inneren Zerreißgefühl verlieren, entsteht neuer Raum und aus diesem Raum entstehen neue Wege.

Kleines Ritual: Setze dich für einige Minuten still hin, lege eine Hand auf dein Herz und die andere auf den Bauch. Atme bewusst in die Spannung: das Alte in einer Hand, das Neue in der anderen. Sage innerlich: „Ich erlaube mir, beides zu fühlen.“ Dadurch lernt dein Nervensystem, die Spannung zu halten, ohne zu flüchten.

  1. Wenn es Zeit ist, etwas Liebgewonnenes loszulassen

Manchmal spürt man ganz deutlich, dass ein Abschnitt zu Ende geht – so schön er auch war. Damit etwas Neues entstehen kann, braucht das Alte einen würdevollen Abschluss. Loslassen bedeutet nicht, etwas wegzuwerfen, sondern anzuerkennen, was war und bewusst Raum für Neues zu schaffen.

Kleines Ritual: Schreibe auf einen Zettel, was du verabschieden möchtest: eine Rolle, einen Lebensabschnitt, eine Gewohnheit oder eine Beziehung. Bedanke dich innerlich für das, was dir dieser Abschnitt gegeben hat. Verbrenne den Zettel oder übergebe ihn dem fließenden Wasser. Spüre nach, wie es sich anfühlt, Raum zu schaffen. Lass dich überraschen, womit sich der nun freie Raum füllt.

 

 Kontakt:

  •       Telefon: 0179 -2635788
  •       Email: info@neue-wege-beschreiten.eu
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  •       Calendly

 

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1 Kommentar

  1. Ich kenne Maike Steiners Arbeit mit den Pferden seit vielen Jahren und kann Vieles, was sie in dem Interview berichtet, aus eigener Erfahrung von ganzem Herzen bestätigen. Und auch wie gut es tut, einfach nur mit den Pferden zu sein.

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