Natascha Bojic spricht über ein Thema, das oft lange unsichtbar bleibt und doch tief wirkt: toxische Beziehungen und ihre Folgen. Viele Frauen verlieren sich schleichend in Dynamiken, die sie selbst kaum noch hinterfragen, bis der Punkt erreicht ist, an dem nichts mehr stimmig erscheint. Genau dort beginnt für sie der entscheidende Wendepunkt.
Sie zeigt, wie emotionale Abhängigkeit entsteht, warum Betroffene sich selbst nicht mehr vertrauen und wie der Weg zurück zur eigenen Stärke wirklich aussieht. Es geht nicht um schnelle Lösungen, sondern um echte Rückverbindung zu sich selbst, klare Grenzen und den Mut, alte Muster bewusst zu durchbrechen.
Natascha Bojic im Interview

Frau Bojic, warum haben Sie sich auf Frauen nach toxischen Beziehungen spezialisiert?
Der Auslöser war meine eigene Geschichte. Ich weiß aus persönlicher Erfahrung sehr gut, wie es ist, in einem toxischen Umfeld aufzuwachsen und wie lange es dauert, bis man das überhaupt erkennt.
Ich habe Wirtschaftspsychologie studiert, weil mich Psychologie schon immer fasziniert hat und ich in der Personalarbeit Fuß fassen wollte. Während des Studiums bin ich auf die Positive Psychologie gestoßen und sie hat mir in meinen eigenen Themen die Augen geöffnet.
Sie hat mir gezeigt, dass ich nicht nur mit den Symptomen einer posttraumatischen Belastung leben muss, sondern dass ich aktiv an den Auslösern arbeiten und sie verstehen kann. Das war der Moment, in dem ich beschlossen habe: Ich will nicht nur funktionieren – ich will aufblühen.
Nach dem Studium habe ich mich deshalb in Positiver Psychologie und systemischer Traumabegleitung weitergebildet und zertifizieren lassen – nicht nur aus professionellem Interesse, sondern weil ich verstehen wollte, wie tiefgreifende Traumata wirklich verarbeitet werden können.
Heute sehe ich das Bild komplett – aus persönlicher Erfahrung und aus fachlicher Sicht. Und genau deshalb arbeite ich mit Frauen nach toxischen Beziehungen, egal ob es um eine Partner-, Arbeits- oder Familienbeziehung geht. Ich weiß, wie es sich anfühlt und ich möchte helfen.
Woran merken Betroffene oft erst spät, dass eine Beziehung toxisch ist?
Oft sind es körperliche Symptome, die nicht mehr zu ignorieren sind: chronische Erschöpfung, Schlafstörungen, Angst oder ein ständiges Gefühl, auf Eierschalen zu laufen. Viele Betroffene bemerken auch, dass sie sich selbst nicht mehr wiedererkennen – sie haben aufgehört, eigene Bedürfnisse zu äußern, Freundschaften vernachlässigt oder Hobbys aufgegeben.
Ein weiteres Warnsignal ist das konstante Rechtfertigen des Verhaltens der anderen Person – vor anderen oder vor sich selbst.
Der Grund, warum diese Signale so spät wahrgenommen werden: Toxische Beziehungen entwickeln sich schleichend. Sie durchlaufen Zyklen – Phasen von Nähe und Zuwendung wechseln sich mit Abwertung und Zurückweisung ab.
Psychologisch spricht man von Trauma Bonding – einer emotionalen Bindung, die durch den Wechsel zwischen Belohnung und Bestrafung entsteht und die es Betroffenen besonders schwer macht, die Beziehung realistisch einzuschätzen.
Der Missbrauch geschieht oft durch subtile Kommentare, Schuldzuweisungen oder Gaslighting – also die systematische Manipulation, bei der die Wahrnehmung des Gegenübers gezielt infrage gestellt wird.
Besonders erschwerend: Viele Betroffene haben ähnliche Muster bereits in der Kindheit erlebt. Diese Dynamiken fühlen sich dann nicht wie ein Alarmsignal an, sondern wie ein vertrauter Normalzustand. Erst wenn der Leidensdruck zu groß wird oder eine Außenperspektive hinzukommt, bricht die Erkenntnis durch.
Welche seelischen Folgen sehen Sie nach emotionalem Missbrauch am häufigsten?
Die häufigste Folge, die ich in meiner Arbeit beobachte, ist ein tiefes Gefühl der Selbstentfremdung. Die Frauen, die zu mir kommen, wissen oft nicht mehr, was sie selbst denken, fühlen oder wollen – weil sie über einen langen Zeitraum ihre eigene innere Stimme unterdrückt haben.
Daran hängen häufig Angstzustände, chronischer Stress, ein stark vermindertes Selbstwertgefühl und oft auch körperliche Symptome wie chronische Erschöpfung, Schlafstörungen oder Muskelverspannungen.
Viele kämpfen auch mit einem starken Gefühl der Scham – sie fragen sich, warum sie „es nicht früher gesehen haben.“ oder „was mit ihnen nicht stimm.“. Das ist übrigens eine der häufigsten Fallen: Die Schuld wird nach innen gerichtet, obwohl die Verantwortung bei der Person liegt, die den Missbrauch ausgeübt hat.
Aus systemischer Sicht sehe ich außerdem oft, dass die toxische Beziehung ältere, tiefer liegende Muster reaktiviert hat – Muster, die häufig bereits in der Herkunftsfamilie ihren Ursprung haben.
Natascha Bojic: Dein Licht bleibt

Was ist der wichtigste erste Schritt zurück zu innerer Stärke?
Der wichtigste erste Schritt ist, die eigene Wahrnehmung wieder ernst zu nehmen. Das klingt einfach – ist aber für viele Betroffene der schwierigste Moment überhaupt. Der Grund: Nach langem emotionalem Missbrauch haben viele Menschen gelernt, sich selbst nicht mehr zu vertrauen.
Die eigene innere Stimme wurde so oft infrage gestellt, dass sie mit der Zeit leiser wird.
Das lässt sich mit dem Konzept der erlernten Hilflosigkeit beschreiben, das der Psychologe Martin Seligman erstmals in den 1960er-Jahren formulierte: Wenn eine Person wiederholt die Erfahrung macht, dass ihr Handeln keine Wirkung zeigt, hört sie irgendwann auf, sich zu wehren oder eigene Bedürfnisse wahrzunehmen – selbst dann, wenn sich die äußeren Umstände verändern.
Der Weg zurück beginnt daher nicht mit einem großen Kurswechsel, sondern mit kleinen, bewussten Momenten: Anfangen, sich wieder zu fragen – Wie fühle ich mich dabei? Was brauche ich? Genau hier setzt meine NATASA-Methode an: bei der Rückverbindung zu sich selbst, bevor an äußeren Veränderungen gearbeitet wird.
Stärke entsteht nicht durch Willensanspannung – sie entsteht durch die Wiederverbindung zu der inneren Stimme, die nie wirklich verloren gegangen ist.
Wie gelingt der Ausstieg aus Co-Abhängigkeit und alten Mustern?
Der Schlüssel liegt erstens in der Bewusstwerdung – das eigene Muster zu erkennen, ohne sich dafür zu verurteilen. Zweitens in kleinen, konkreten Veränderungen: Anfangen, eigene Bedürfnisse zu identifizieren und zu kommunizieren. Und drittens – was ich oft unterschätzt sehe – in einem gesunden Umfeld.
Ein Mensch kann sich nicht aus einem toxischen Muster lösen, wenn er weiterhin in einem Umfeld lebt oder arbeitet, das dieses Muster immer wieder verstärkt. Deshalb ist es entscheidend, bewusst auf Menschen zu setzen, die gesunde Grenzen kennen und respektieren.
Ebenso wichtig: professionelle Begleitung. Viele Frauen versuchen, diesen Weg alleine zu gehen, weil sie gelernt haben, nicht um Hilfe zu bitten. Aber genau das ist das Muster, das es zu durchbrechen gilt. Sich Unterstützung zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche – es ist der erste Schritt aus der alten Dynamik heraus.
Was möchten Sie betroffenen Frauen gerne mitgeben und wie kann man Sie erreichen?
Vor allem eines: Du bist nicht verrückt. Dein Gefühl war richtig – auch wenn dir lange gesagt wurde, dass es das nicht sei. Der Weg zurück zu dir selbst beginnt nicht mit einem großen Kurswechsel, sondern mit einem kleinen Moment der Ehrlichkeit dir selbst gegenüber.
„Von toxisch zu unzerbrechlich“ – das ist mein Motto, und es ist kein Versprechen auf eine schnelle Heilung, sondern eine Einladung, anzufangen zu glauben, dass Veränderung möglich ist, du wertvoll bist und dir selbst die Erlaubnis geben darfst, glücklich zu sein.
Ich bin erreichbar über meine Website sowie über LinkedIn oder Instagram unter Natascha Bojic. Dort teile ich regelmäßig Wissen, Perspektiven und auch ganz praktische Impulse für Frauen, die diesen Weg gehen oder gehen wollen.
Über Natascha Bojic
Natascha Bojic ist Wirtschaftspsychologin, zertifizierte systemische Traumabegleiterin und bietet psychologische Begleitung und Coaching für Frauen nach toxischen Beziehungen online an. Mit ihrer NATASA-Methode unterstützt sie Betroffene auf dem Weg aus emotionalem Missbrauch, Co-Abhängigkeit und Gaslighting zurück zu innerer Stärke und Selbstvertrauen.


