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Doris Bohlen zeigt den Weg zum Lebenskompass

Doris Bohlen erlebt in ihrer Arbeit immer wieder, wie stark berufliche Entscheidungen mit der eigenen Identität verbunden sind. Wenn Menschen ihren Job verlieren, feststecken oder über einen Wechsel nachdenken, geraten oft nicht nur Karrierepläne ins Wanken, sondern auch das Selbstbild. Plötzlich stellen sich Fragen, die weit über den nächsten Lebenslauf hinausgehen: Wer bin ich ohne meinen Job? Was gibt mir wirklich Sinn? Und welchen Weg möchte ich künftig gehen? Genau in solchen Momenten setzt ihre Arbeit an.

Doris Bohlen begleitet Menschen dabei, berufliche Wendepunkte nicht nur als Krise, sondern als Chance zur Neuorientierung zu verstehen. Mit ihrem Ansatz des „Lebenskompasses“ verbindet sie klassische Karriereberatung mit einer tieferen Reflexion von Werten, Motiven und Lebenszielen. Im Interview erklärt sie, warum berufliche Entscheidungen immer auch Lebensentscheidungen sind, welche Denkfehler Menschen in Umbruchphasen blockieren und wie Klarheit über Talente und Werte zu einem stimmigen neuen beruflichen Weg führen kann.

Interview mit Doris Bohlen

Interview Doris Bohlen

Frau Bohlen, was erkennen Sie bei Menschen oft in beruflichen Umbruchphasen?

Berufliche Umbruchphasen haben viele Gesichter. Entscheidend ist zunächst, ob der Wandel freiwillig geschieht oder von außen erzwungen wird – etwa durch eine Kündigung, Restrukturierung oder das Wegfallen einer Position.

Bei einem freiwilligen Wechsel erlebe ich häufig Menschen, die strategisch denken und den nächsten Schritt planen. Sie möchten Verantwortung ausbauen, sich weiterentwickeln oder bewusst ein neues Umfeld wählen.

Diese Klientinnen und Klienten wirken im Außen klar – doch manchmal zeigt sich im Coaching, dass hinter dieser Klarheit auch leise Zweifel stehen: Ist es wirklich mein nächster Schritt, oder nur der erwartbare?

Anders ist es bei Menschen, die schon länger unzufrieden im Job sind. Hier geht es weniger um Karriere, sondern um Sinn, Werte und Identität. Viele haben bereits versucht, ihre Situation zu verbessern: Gespräche geführt, Aufgaben verändert, sich stärker engagiert. Doch innerlich bleibt das Gefühl: So kann es nicht weitergehen.

Gleichzeitig gibt der bestehende Arbeitsplatz Sicherheit. Das regelmäßige Einkommen beruhigt und so redet man sich die Situation schön. Dieses Aushalten wirkt wie eine kurzfristige Stabilisierung, kostet aber auf Dauer enorm viel Energie.

Wenn der Arbeitsplatz verloren geht, beobachte ich oft eine tiefe Erschütterung des Selbstwertes. Selbst hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte geraten ins Wanken. Menschen ziehen sich zurück, vermeiden Gespräche über ihre berufliche Situation, verlieren an Energie.

Auch die Körpersprache verändert sich – weniger Blickkontakt, weniger Präsenz. In einer leistungsorientierten Gesellschaft, in der Arbeit stark mit Identität verknüpft ist, trifft Arbeitslosigkeit viele besonders hart. Nicht selten höre ich den Satz: „Ich weiß gar nicht mehr, wer ich ohne meinen Job bin.“

Warum sind Karriereentscheidungen aus Ihrer Sicht immer auch Lebensentscheidungen?

Weil Arbeit weit mehr ist als Einkommen. Sie ist Ausdruck unserer Persönlichkeit, unserer Werte und unseres Selbstverständnisses. In Deutschland lautet eine der ersten Fragen beim Kennenlernen: „Was machen Sie beruflich?“ Das zeigt, wie sehr Beruf und Identität miteinander verschmelzen.

Eine Karriereentscheidung beeinflusst daher nicht nur den Terminkalender, sondern das gesamte Leben: Familie, Partnerschaft, Freizeit, Energiehaushalt. Wer eine klassische Managementkarriere anstrebt, trifft andere Lebensentscheidungen als jemand, der sich selbstständig macht oder bewusst in Teilzeit geht. Jede Option hat ihren Preis und ihren Gewinn.

In meiner Arbeit mache ich diese Zusammenhänge sichtbar. Ich arbeite unter anderem mit dem Konzept der Karriereanker. Dabei wird deutlich, welche Motive einen Menschen wirklich antreiben – Sicherheit, Autonomie, Gestaltungsspielraum, Sinn, Führung oder Fachlichkeit. Erst wenn diese inneren Antreiber bewusst sind, kann eine Entscheidung tragfähig sein.

Karriere ist daher keine isolierte Berufsfrage. Sie ist immer eine Lebensfrage.

Was unterscheidet Ihren „Lebenskompass“ von klassischer Karriereberatung?

Der Begriff Karriere stammt ursprünglich aus dem Französischen und bedeutet sinngemäß Laufbahn oder schnelles Vorwärtskommen. Klassische Karriereberatung orientiert sich häufig an dieser Logik: Welche Position passt zu meinem Lebenslauf? Wie erreiche ich den nächsten Schritt möglichst effizient? Welche Qualifikationen fehlen noch?

Das ist für viele Menschen sinnvoll – besonders dann, wenn sie eine klare Zielvorstellung haben und innerlich nicht zerrissen sind.  Der Lebenskompass geht einen Schritt weiter,  oder besser gesagt: einen Schritt tiefer.

Hier steht der ganze Mensch im Mittelpunkt. Ich verbinde drei Ebenen: Person, Beruf und Lebenskontext. Wir schauen auf Identität, Werte, Motive, auf bisherige Prägungen und Erfahrungen. Wir betrachten die aktuelle Lebensphase: Bin ich in einer Aufbauphase, in einer Konsolidierung, in einer Neuorientierung? Welche Rolle spielen Familie, Partnerschaft oder Gesundheit?

Ein zentrales Konzept dabei ist die Unterscheidung zwischen innerer und äußerer Karriere. Die äußere Karriere wird von Organisationen definiert: Position, Titel, Verantwortung, Hierarchie. Die innere Karriere hingegen beschreibt das persönliche Selbstkonzept: Was will ich wirklich? Was kann ich besonders gut? Was gibt mir Energie?

Problematisch wird es immer dann, wenn diese beiden Ebenen nicht zusammenpassen. Wenn jemand im Außen erfolgreich wirkt, sich im Inneren aber leer fühlt. Dann entsteht Reibung und langfristig Unzufriedenheit oder sogar Krankheit.

Im Lebenskompass-Coaching entwickeln wir daher ein ganzheitliches Bild. Wir zeichnen den bisherigen Lebens- und Berufsweg nach, identifizieren übertragbare Kompetenzen, klären Werte und entwickeln eine stimmige Vision.

Erst danach geht es um konkrete Schritte: Anpassung des Lebenslaufs, Zieldefinition, Bewerbungsstrategie und Training von Vorstellungsgesprächen. Es geht nicht nur darum, schnell einen neuen Job zu finden, sondern den richtigen.

Doris Bohlen über berufliche Neuorientierung

Zitat Doris Bohlen

Welche Denkfehler blockieren berufliche Neuorientierung am häufigsten?

Sehr häufig sind es innere Überzeugungen, die Menschen festhalten.

„Ich bin zu alt für einen Neuanfang.“
„Einen sicheren Job darf man nicht aufgeben.“
„Ich brauche erst einmal irgendeinen Job.“
„Der nächste Schritt muss finanziell ein Aufstieg sein.“
„Ich weiß gar nicht, wie man sich heute bewirbt.“

Diese Gedanken wirken rational, sind aber meist angstgetrieben. Sie führen dazu, dass Menschen lieber ausharren, statt aktiv zu gestalten. Hinzu kommt, dass wir uns Rat im eigenen Umfeld holen. Familie und Freunde meinen es gut – beraten aber immer aus ihrer eigenen Perspektive.

Ein stark sicherheitsorientierter Mensch wird andere Empfehlungen geben als jemand mit unternehmerischem Mindset. Deshalb ist eine neutrale, professionelle Begleitung so wertvoll.

Woran merken Klientinnen und Klienten, dass sie beruflich wieder auf dem richtigen Kurs sind?

An ihrer inneren Klarheit und Ausstrahlung. Das Karussell im Kopf wird langsamer.

Sie gewinnen wieder Mut, treffen Entscheidungen selbstbewusster und kommunizieren klarer. Häufig verändert sich sogar ihre Körpersprache: aufrechter, präsenter, überzeugender. Sie wissen wieder, wofür sie stehen.

Viele sagen am Ende des Coachings: „Warum habe ich so lange gewartet?“ Das ist für mich ein wunderbarer Moment. Denn dann ist nicht nur eine berufliche Lösung entstanden, sondern eine innere Neuorientierung gelungen.

Welchen Tipp möchten Sie Menschen mitgeben, die vor einer beruflichen Weggabelung stehen?

Gehen Sie nicht den scheinbar einfachsten Weg, gehen Sie den für Sie stimmigen Weg.

Gerade in Zeiten von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz verändern sich Berufsbilder rasant. Fachwissen allein reicht nicht mehr aus. Entscheidend sind übertragbare Kompetenzen, Lernfähigkeit und persönliche Klarheit.

Nehmen Sie sich die Zeit, Ihre Talente, Werte und Motive zu verstehen. Fragen Sie sich: Was gelingt mir besonders gut? Welche Aufgaben geben mir Energie? Welche Werte sind für mich nicht verhandelbar?

Wenn Talente, Erfahrungen und Werte zusammenpassen, entsteht nicht nur beruflicher Erfolg, sondern Zufriedenheit.

Über Doris Bohlen

Doris Bohlen ist Karriere- und Lebenscoach und begleitet Menschen in beruflichen Umbruchphasen sowie bei strategischen Neuorientierungen. Mit ihrem Ansatz des „Lebenskompasses“ verbindet sie klassische Karriereberatung mit einer ganzheitlichen Betrachtung von Werten, Motiven und Lebenszielen. Ihr Fokus liegt darauf, Menschen zu mehr Klarheit, Selbstvertrauen und einer stimmigen beruflichen Richtung zu führen.

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