Nicoletta Bäuerle kennt den Moment, in dem nichts mehr geht. Burnout, innere Leere und der Verlust der eigenen Orientierung sind für viele keine Ausnahme, sondern eine stille Realität. Was nach außen oft noch funktioniert, fühlt sich innen längst kraftlos und leer an. Genau an diesem Punkt beginnt für sie kein Scheitern, sondern ein möglicher Wendepunkt.
Sie zeigt, wie tief verwurzelte Stressmuster entstehen, warum sie sich immer wiederholen und wie es gelingt, sie bewusst zu durchbrechen. Dabei geht es nicht um schnelle Lösungen, sondern um echte Veränderung. Schritt für Schritt zurück zu mehr Klarheit, innerer Stabilität und dem Vertrauen in die eigene Stärke. Wer bereit ist hinzusehen, kann genau dort neu ansetzen und das eigene Leben wieder aktiv gestalten.
Nicoletta Bäuerle im Interview

Frau Bäuerle, was war Ihr persönlicher Wendepunkt nach dem Burnout?
Ich wurde zu einer Zeit mit Burnout diagnostiziert, als es noch kein anerkanntes Syndrom im Sinne des heutigen ICD Katalogs war. Ein Jahr zuvor hatte ein jüngerer Kollege dieselbe Diagnose erhalten. Was er mir damals beschrieb, konnte ich plötzlich eins zu eins nachempfinden. Erst da habe ich wirklich verstanden, wie sich vollständige innere Leere anfühlt.
Als ich mich daran erinnerte, begann ich ehrlich zu analysieren, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Der Knackpunkt war für mich eine finanzielle Überforderung, verbunden mit echten Existenzängsten und zu viel Stolz.
Was hat Ihnen damals wirklich geholfen, aus der inneren Leere herauszufinden?
Meine Familie und meine wahren Freunde haben mich immer unterstützt. Besonders meine Mutter litt sehr darunter, ihre Tochter in diesem Zustand zu erleben. Lustlos, zurückgezogen, still. Das passte nicht zu der lebensfrohen Nicoletta, die sie kannte. Gleichzeitig erhöhte das meinen inneren Druck, denn niemand möchte seine Mutter unglücklich sehen, vor allem nicht, wenn man selbst der Auslöser ist.
Als ich erkannte, dass meine Mutter nicht aufgeben würde, begann ich meinen Stolz loszulassen und Unterstützung anzunehmen. Dafür brauchte ich jedoch einen klaren Plan. Ich wollte meinen Eltern aufzeigen, wie mein Ausstieg aussehen kann und wie sie mich konkret unterstützen können.
Ich entschied mich, mein Studium abzubrechen und mich beruflich neu zu orientieren. Dafür habe ich großes Verständnis und Rückhalt erfahren, wofür ich sehr dankbar bin.
Auch meine wahren Freunde haben meine Rückzüge akzeptiert und mir Absagen nicht übelgenommen. In dieser Zeit zeigte sich sehr deutlich, wer wirklich bleibt. Mein Freundeskreis wurde kleiner, aber ehrlicher. Heute weiß ich, mein Netzwerk hält. Diese Erfahrung ist auch im Resilienztraining eine der zentralen Säulen.
Warum wiederholen sich Stressmuster bei vielen Menschen immer wieder?
Eine sehr wichtige Frage. Wir übernehmen viele unserer Stressmuster bereits in frühen Jahren. Charaktereigenschaften und den Umgang mit Belastung schauen wir uns bei unseren Vorbildern ab. Teilweise nehmen wir den Stress der Eltern schon als Babys wahr.
Beobachten Sie doch einmal bei Ihrer nächsten Bahn- oder Flugreise die jüngsten Gäste. Besonders im Flugzeug, wenn Eltern das erste Mal mit ihrem Nachwuchs fliegen, kann man gut sehen, wie sensibel Kinder reagieren. Sind die Eltern nervös oder angespannt, werden die Kinder häufig ebenfalls unruhig. Unbewusst übertragen die Eltern ihre innere Anspannung auf ihr Kind und geraten dadurch selbst noch mehr unter Druck. Ein Kreislauf entsteht.
Wenn wir in unserer eigenen Entwicklung keine Vorbilder erleben, die einen ruhigen und bewussten Umgang mit Stress vorleben, fehlt uns oft die Alternative. Deshalb ist es so wichtig, verschiedene Strategien bewusst auszuprobieren. Der Umgang mit Stress ist ein Lernprozess. Wir können jederzeit beginnen, unsere Muster zu hinterfragen und zu verändern. Voraussetzung ist eine bewusste Entscheidung.
Nicoletta Bäuerle: Mut verändert alles

Wie hilft Ihre Arbeit dabei, wieder bei sich selbst anzukommen?
Neben klassischen Entspannungstechniken wie Progressiver Muskelrelaxation, Atemtechniken, Yoga oder auditivem Training arbeite ich auch mit mental stärkenden Methoden wie bspw. auch wingwave®. Eine besonders wichtige Komponente ist das bewusste Aktivieren eigener Ressourcen.
Ein sehr alltagstaugliches Beispiel ist meine A-Z Liste. Sie ist eine Sammlung persönlicher Handlungsmöglichkeiten für stressige Ad-hock Situationen. Stellen Sie sich vor, Sie suchen einen Parkplatz, entdecken endlich eine freie Lücke, setzen den Blinker und wollen gerade einschlagen. In diesem Moment kommt von der anderen Seite ein Auto und steht vor Ihnen in der Parklücke. Ihr Parkplatz ist vergeben.
Was passiert häufig? Ärger. Wut. Vielleicht ein lautes Wort. Der Puls steigt, Stress wird ausgelöst.
Hier kann bereits der erste Schritt helfen, nämlich ein bewusster Atemzug. Einmal tief einatmen und langsam wieder ausatmen. Allein das reguliert das Nervensystem und unterbricht die automatische Stressreaktion.
Dann kommt die A-Z Liste ins Spiel. Sie schauen darauf und Ihr erster Blick bleibt heute beim Buchstaben „H“ hängen. „H“ steht für Humor mit bspw. dem Leitsatz: „Okay, offenbar war das heute sein Lebensziel.“ In diesem Moment verändert sich die Perspektive. Die Situation ist dieselbe, aber Ihre innere Reaktion ist eine andere. Das Stressmuster wird durchbrochen.
Langfristig geht es darum, solche kleinen Unterbrechungen bewusst zu trainieren. Die Kombination aus Atemtechnik, Perspektivwechsel und Ressourcenaktivierung stärkt die Resilienz, Schritt für Schritt.
Warum ist das Thema Flugangst für Sie ein besonderes Herzensanliegen?
Die meisten Menschen träumen davon, andere Länder und Kulturen zu bereisen. Reisen bildet nicht nur, sondern lässt auch Persönlichkeiten wachsen. Doch viele trauen sich nicht, ihren Traum zu leben, weil die Angst sie zurückhält.
Angst ist grundsätzlich etwas Natürliches und hat eine schützende Funktion. Gleichzeitig kann sie zum Hindernis werden. Wichtig ist zunächst zu verstehen, woher Angst ursprünglich kommt und dass sie in ihrer Grundfunktion immer eine gute Absicht verfolgt.
Als Flugbegleiterin begegne ich regelmäßig Menschen mit Flugangst. Häufig wird sie durch Medienberichte, Filme oder übertragene Sorgen anderer verstärkt. Nur selten haben Betroffene selbst ein negatives Erlebnis gehabt. In vielen Fällen steckt hinter der Flugangst die Angst vor Kontrollverlust.
Man gibt Verantwortung ab, sitzt angeschnallt in einem Flugzeug und kann die Situation nicht aktiv beeinflussen. Für viele Menschen ist genau dieses Gefühl schwer auszuhalten.
Oft liegen die eigentlichen Ursachen jedoch außerhalb des Flugzeugs. Belastende Erfahrungen oder unbewusste Themen werden auf die Flugsituation projiziert. Man spricht hier auch von übertragenen Ängsten.
Mir ist es wichtig zu vermitteln, dass Flugangst in vielen Fällen lösbar ist. Ich wünsche mir, dass Menschen ihre Träume leben können und Reisen nicht aus Angst vermeiden. Interkultureller Austausch schafft Verständnis, erweitert den eigenen Horizont und verbindet uns über Grenzen hinweg.
Was möchten Sie Menschen mitgeben, die sich gerade erschöpft fühlen?
In Deutschland sprechen wir zunehmend offener über mentale Gesundheit, Burnout und Erschöpfung. Dennoch ist die Scham bei vielen Betroffenen noch spürbar.
Burnout ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist oft ein Zeichen dafür, dass wir zu lange stark waren. Für andere, aber nicht für uns selbst.
Ich wünsche mir, dass Menschen den Mut haben, Hilfe anzunehmen. Zu meiner Zeit waren Coachingangebote noch kaum verbreitet und Therapieplätze mit langen Wartezeiten verbunden. Heute gibt es mehr Möglichkeiten. Kein Stolz ist es wert, sich selbst dabei zu verlieren.
Erschöpfung ist kein Endpunkt, sondern kann ein Wendepunkt sein, das habe ich lernen dürfen. Heute weiß ich: Resilienz bedeutet nicht, nie zu fallen. Resilienz bedeutet, sich selbst die Hand zu reichen, wenn man am Boden sitzt. Ein Moment, der uns zwingt hinzusehen. Hinzuspüren. Und neu zu wählen. Nicht gegen das Leben, sondern für uns.
Wenn Sie sich gerade leer oder orientierungslos fühlen, glauben Sie mir bitte, dieser Zustand definiert Sie nicht. Er ist eine Phase, nicht Ihre Identität. Ihre innere Kraft ist noch da. Der Zugang ist im Moment nur erschwert.
Manchmal beginnt Heilung mit einem einzigen Satz: „Ich schaffe das nicht allein und das ist okay.“ Veränderung beginnt mit dem Mut, dem eigenen inneren Kompass zu folgen. Genau darin liegt die größte Chance.
Kontaktaufnahmemöglichkeiten:
Nicoletta Bäuerle
NBewegt – Coaching I Resilienz I Gesundheit
Bebelstr. 59 I 70193 Stuttgart
Tel./WhatsApp: +49 (0)176 20643842
E-Mail: hallo@nbewegt.de
Instagram: nbewegt_coaching
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Über Nicoletta Bäuerle
Nicoletta Bäuerle ist Gesundheits- und Resilienztrainerin sowie Flugbegleiterin mit Fokus auf Stress, Burnout und mentale Stärke. Sie unterstützt Menschen dabei, ihre Muster zu erkennen, Ressourcen zu aktivieren und wieder in ihre Kraft zu kommen, unter anderem mit Methoden wie wingwave®.
Durch ihre eigene Erfahrung verbindet sie persönliches Verständnis mit professioneller Begleitung. Zudem ist sie Mitgründerin von ShiftMaids, einem Gesundheitsangebot für Schichtarbeitende.


